Erfahrungsberichte
Meine alte Hündin hat uns Weihnachten vor einem Jahr verlassen. Die Jüngere, Lola (5), total „pflegeleicht“, fing gerade an, sich richtig daran zu gewöhnen, dass sie jetzt allein mit mir war, als uns Shiloh „zulief“, eine Halbschwester aus Lolas Mutter - ein kleiner frecher Teufel und das krasse Gegenteil von Lola. Während Lola sich recht wenig für andere Hunde, sondern für alles, was geworfen werden kann, interessiert, kann Shiloh einem Wurfgeschoss gar nichts abgewinnen, wohl aber allem, was auch vier Beine hat und „wild“ riecht - mit anderen Worten, sie scheucht gern Rehe, Hasen und Kaninchen auf. Und das geht nicht, denn die haben wir direkt vor der Haustür, außerdem ist mir das eindeutig zu stressig! Zudem hatte sie das Pech, dass wir im letzten Sommer - sie war gerade 4 Monate alt - auf einer Feier waren, wo überraschend ein komplettes Feuerwerk abgefackelt wurde, direkt neben uns. Das hatte zur Folge, dass ich kaum mehr husten durfte.
Aus diesen Gründen (Jagen und Angst vor lauten Geräuschen) war mir klar, dass ich irgendwas tun musste, aber mich auf die Suche nach einer entsprechend guten Hundeschule zu machen, davon versprach ich mir nicht viel. Dann hat mir meine Schwägerin den Namen Gabriela Kaetzke und Wiesbaden auf einen Zettel geschrieben und mir gesagt, die solle ich mal kontaktieren.
Da ich niemanden an meinen Hunden „herumdoktern“ lasse, dem ich nicht vertraue, habe ich erstmal einen von Frau Kaetzkes Vorträgen besucht, um mir ein Bild von ihr machen zu können. Was letzteres betrifft, hätte ich nach 5 Minuten wieder gehen können, denn dass sie weiß, wovon sie spricht, davon war ich sofort überzeugt - aber das Vortragsthema „Signalsprache und Wesen des Hundes“ war ja auch interessant ;-). Dann habe ich einen ersten Begutachtungstermin mit ihr vereinbart, bei dem sie meine Hunde in ihrer vertrauten Umgebung kennenlernen wollte. Als es so weit war, war ich zunächst unsicher, wie ich mich verhalten sollte, beschloss dann aber, meine Hunde nicht zu zügeln. Also wusste ich, dass sie wie die Furien rausrennen würden, sobald es klingelt, dass Lola laut bellen und Shiloh Frau Kaetzke vor Freude bis an die Nase springen würde. So kam es dann auch. Fast. Die Hunde rannten raus, ein kleines Wuff, und dann kamen alle still die Treppe herunter und ins Haus. Als Frau Kaetzke Ihren Mantel auszog und an die Garderobe hängte, versuchte Shiloh einmal, verhalten wedelnd an ihr hoch zu hüpfen, aber als diese sie ignorierte und sich ein wenig abwandte, trollte Shiloh sich. Aber das sollten nur meine ersten Aha-Erlebnisse sein, dass Hunde ohne jegliches Kommando oder sonstige Ansprache spuren können.
Wir nahmen im Wohnzimmer Platz und ich sollte ein wenig von meinen Hunden erzählen, dabei allerdings darauf achten, sie nicht anzusehen – die erste schwierige Aufgabe, wenn man gewöhnt ist, seine Tiere gerne und liebevoll anzusehen. Während unserer Unterhaltung fing dann die Atmosphäre ein wenig zu knistern an. Lola stand unsicher mitten im Raum, Shiloh versuchte zunächst noch zweimal, freudig wedelnd mit Frau Kaetzke Kontakt aufzunehmen, dann fingen beide Hunde an, ziemlich überschwänglich zu raufen und miteinander zu spielen, was sie für gewöhnlich gar nicht tun, wenn Besuch da ist. Irgendwie war ihnen Stress anzusehen.
Dann wurde mir geheißen, mich doch mal auf eine der Hundedecken zu setzen und mich dort richtig breit zu machen, wiederum ohne meinen Hunden in die Augen zu blicken. Wenn man das nicht gewöhnt ist, kommt man sich vor wie bei der Blutabnahme, bei der man an die Decke starrt, um das eigene Blut nicht sehen zu müssen, oder wie beim Zahnarzt, dessen Gesicht direkt über einem schwebt und man verzweifelt versucht, irgendwo an ihm vorbeizusehen. Lola schien regelrecht schockiert darüber, dass ich mich erdreistete, ihren Schlafplatz einzunehmen. Wieder stand sie mitten im Zimmer, Rute und Ohren hingen schlaff herunter und Ihr Kopf qualmte förmlich vor Nachdenklichkeit. Shiloh dagegen vergrub ihren Kopf tief im Spielzeugkorb, der sie sonst überhaupt nicht interessierte, und holte wahllos alles heraus. Nach fünf Minuten durfte ich mich wieder zu Frau Kaetzke aufs Sofa setzen und wir unterhielten uns weiter, und schließlich legten sich die Hunde irgendwann hin und entspannten sich.
Dann sollte ich in die Küche gehen, mit irgendwas hantieren und wiederkommen. Ich lachte nur, denn ich wusste, sobald ich aufstehe und in Richtung Küche ging, würden sich die beiden an meine Fersen heften. Doch jetzt war ich die Schockierte. Sie regten sich nicht einmal, auch nicht, als ich den Kühlschrank öffnete und mit Zellophan raschelte! Als ich wiederkam, lagen beide immer noch völlig entspant am selben Platz. Dasselbe sollte ich noch einmal tun, aber während des Rausgehens einen kurzen Blickkontakt mit Lola und Shiloh herstellen. Und – wie von Geisterhand – standen sie auf und kamen mit in die Küche! Wow, das war also angewandte Hundesprache! Nichts von wegen „Kommt!“, „Hiiieer!!“ oder gar „Futter!!!“ Aber ich sollte noch verblüffter werden. Wir gingen raus!
„Welche Leine soll ich mitnehmen, lang oder kurz?“ fragte ich. „Ist mir egal“, meinte Frau Kaetzke. Hm, dachte ich und hing mir irgendeine um. So, NORMALERWEISE würden meine beiden, kaum aus dem Tor (da sind nur große Wildwiesen), fröhlich losrennen und mir immer voraus sein. Voraus stapfte jedoch unser heutiges Alphatier, Frau Kaetzke. Dahinter ich, Lola an meinen Fersen und Shiloh als Schlusslicht. Hätte ich nicht in der kurzen Zeit so unendlich viele Aha-Erlebnisse zu verarbeiten gehabt, wäre ich vor Lachen sicher tot umgefallen. Keine im hohen Gras herumwuselnden Hunde, kein Schnüffeln, kein Stöbern, keine meterhohen Mäusesprünge – nein, wir stapften tatsächlich im Gänsemarsch über die Wiese, einer hinter dem anderen – ohne dass irgendeiner irgendwas derartiges verbal angeordnet hätte! Irgendwann wurde es der frechen 8 Monate alten Shiloh zu langweilig und sie versuchte, uns zu überholen, lief jedoch mit der Nase gegen das blitzschnell zur Seite gestellte Bein unserer Alphadame, sah sie überrascht von hinten an und nahm flugs ihren Platz am Ende der Reihe wieder ein!
circa 80 m vor uns, auf einer weiteren Wiese, tummelten sich gerade mehrere Hunde, die mit ihren Führern Gassi gingen, und sie hatten sogar Kinder dabei, deren helle Stimmen schlichtweg DIE Herausforderung für meine verspielten Hunde sind. So hielt es Shiloh auch wiederum nicht lange hinten aus.
„Siehst du die kleinen Kinder da?“ fragte Frau Kaetzke, während wir weiter auf sie zugingen. „Jaa-aa! Soll ich sie lieber anleinen?“
„Nein.“
„Hm, ich hoffe, Sie wissen, was Sie tun“, sagte ich leicht besorgt.
„Nein“, sagt sie wieder – und in diesem Moment galoppiert Shiloh an uns vorbei, diesmal weiträumig, um nicht wieder gegen ein Bein zu prallen, in hohen Sprüngen geradewegs auf die Kinder zu.
Ich hielt die Luft an und überlegte gerade, ob ich nun „Bleib!!!“ brüllen sollte, da blieb sie wie angewurzelt stehen, sah zu uns zurück, dann sehnsüchtig zu den Kindern, wieder zu uns, und dann machte sie kehrt, kam zurück gelaufen und nahm ihren Platz am Ende der Reihe wieder ein. Und niemand hatte ein einziges Wort zu ihr gesagt!!!
Der neue Respekt meiner Hunde vor meiner Person - oder vielleicht besser Position – hielt bis zum Abend an. Am nächsten Morgen wurde ich wieder von einer rauen Hundepfote und einem „Ich hab jetzt Hunger!“-Grunzen geweckt – und wusste nicht, wie ich darauf nun so zu reagieren hatte, dass sie mich ohne große Worte verstanden.
DAS wird sich nun ändern, denn mir wurde klar, dass ich, wenn ich einem japanischen Touristen etwas auf Deutsch erkläre und er mich freundlich anlächelt, auch nicht automatisch davon ausgehe, dass er mich verstanden hat. Wieso also erwarte ich von meinen Tieren, dass sie mich verstehen, wenn sie mich so aufmerksam mit schief gehaltenem Kopf anhimmeln – oder mich absichtlich nicht verstehen wollen, wenn meine Anordnungen ignoriert werden? Wenn sie meine Worte also nicht wirklich verstehen (können), dann werde ich ihre Sprache erlernen, ganz einfach. – Aber nein, ganz so einfach fällt es mir nicht, immer daran zu denken, dass wir Menschen uns aus Höflichkeit und Respekt in die Augen sehen, während Hunde das andersrum handhaben oder dass meine Hunde nicht vor mir herlaufen müssen, damit ich sehe, was sie anstellen, sondern dass ich mich als Alpha darauf verlassen kann, dass sie hinter mir sind und bleiben.
Wie einfach, leise und total entspannt das Miteinander – für mich und für meine Hunde – sein kann, hat mich zutiefst beeindruckt, und das hat so gar nichts von irgendwelchem Hokuspokus. Ich stehe noch ganz am Anfang, habe von Frau Kaetzke nun „Hausaufgaben“ bekommen und muss mir laufend bewusst machen, was ich tue und meinen Hunden mit meiner Körpersprache signalisiere. Und ich freue mich über jeden meiner kleinen Fortschritte, wenn mein richtiges Verhalten die gewünschte Reaktion meiner Hunde sofort nach sich zieht.
Vielen Dank, dass es Sie gibt, Frau Kaetzke! - Ich werde hier gelegentlich weiter berichten.


